Wie man mit Halbwahrheiten Politik macht

Der eine oder andere wird schon von der Pressemeldung des französischen Verbraucherinstitut „l’Institut national de la consommation – L’INC“ gehört oder gelesen haben. Das L’INC hat in seiner hauseigenen Zeitschrift „60 Millions de consommateurs“ einen Artikel veröffentlicht, in dem über das Untersuchungsergebnis von zehn EZigaretten berichtet wurde.1

Dieser Artikel ging relativ schnell um die Welt und so hat z.B. die englische „Daily Mail“ aufgrund dieses Artikels geschrieben: „Studie behautpet: EZigaretten sind so schädlich wie Zigaretten und könnten Krebs verursachen„. Was jedoch durch eine Beschwerde beim englischen Presserat durch Clive Bates mittlerweile zu „EZigaretten enthalten Chemikalien, die einige (EZigarette) so schädlich wie normalen Tabak machen“ geändert wurde.2

Beide Überschriften der „Daily Mail“ sind übrigens falsch: Die Untersuchungsergebnisse des L’INC belegen weder die alte noch die neue Fassung! Wie ich darauf komme?

Zunächst die Fakten

Bei den Untersuchungen des L’INC wurden die EZigaretten an eine „Rauchmaschine“ angeschlossen und dann der Dampf der EZigaretten gesammelt. Dafür wurde die Rauchmaschine so programmiert, dass sie alle 30 Sekunden einen „Atemzug“ von 3 Sekunden simulierte. Leider veröffentlichte das L’INC bis dato nicht, wie viel Dampf die Rauchmaschine in diesen 3 Sekunden entnommen hat – Es fehlt also das Volumen! Wie wichtig das Volumen für solche Messungen ist, habe ich vor längerer Zeit in der Faktenbasierten Ausarbeitung zur EZigarette auf Seite 19 und auch hier in einem Blogbeitrag dargelegt. Der dort zitierte Wissenschaftler Uchiyama hatte für seine Untersuchungen die Rauchmaschine so umprogrammiert, dass dermaßen an der EZigarette „zog“, dass ein Mensch eine Minute pausenlos direkt auf Lunge ziehen müste, um diese Rate zu erreichen. Damit wurde die EZigarette bei Uchiyama außerhalb der Spezifikationen betrieben und zwangsläufig der Verdampfer überhitzt. Welche Dampfmenge das L’INC entnommen hat, bleibt also erst einmal im dunklen.

Aber das sind Nebenschauplätze. Interessant ist, was als Ergebnis bei der Messung herausgekommen ist!

Die ganze Wahrheit

Das Magazin hat die Messergebnisse Online bereit gestellt:3

Chem. Verbindung/ElementDurch L'INC gefundene Menge
Formaldehyd0,2 bis 11,3 Mikrogramm
Acetaldehyd0,1 bis 13,5 Mikrogramm
Acrolein0,1 bis 4,4 Mikrogramm
Nickel0,2 bis 12 Nanogramm
Chrom1 bis 6,7 Nanogramm

Schauen wir uns zunächst die Ergebnisse von Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein näher an und Vergleichen diese mit den Mengen dieser Stoffe im Rauch einer Tabakzigarette:4

Chem. VerbindungL'INC EZigarette
(Aerosolmenge unbekannt)
Rauch einer Tabakzigarette
(280 ml gem. DIN ISO 3308 2000-12)
Formaldehyd0,2 - 11,3 Mikrogramm70 bis 100 Mikrogramm
Acetaldehyd0,1 bis 13,5 Mikrogramm500 bis 1000 Mikrogramm
Acrolein0,1 bis 4,4 Mikrogramm60 bis 100 Mikrogramm

Damit wären bis zu

  • 350 mal weniger Formaldehyd bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.
  • 5000 mal weniger Acetaldehyd bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.
  • 600 mal weniger Acrolein bei der EZigarette gemessen worden als im Rauch einer Tabakzigarette.

Aus diesen Zahlen kann man bei weitem nicht ein „genau so schädlich“ herbei fabulieren, sondern eher ein „Die EZigarette ist erheblich weniger schädlich als eine Tabakzigarette„!

Aber gut… Das waren ja noch nicht alle Ergebnisse – Es fehlen noch Nickel und Chrom! Bei diesen beiden Stoffen vergleiche ich die EZigarette nicht mit der Tabakzigarette, sondern mit einem Produkt, dass erheblichen Auflagen ausgestattet ist: Inhalationsarzneimittel!

Für Arzneimittel gibt es die USP-Standards. Diese geben an, welche die maximal erlaubte Tagesdosis für die Stoffe/Metalle in Inhalationsarzneimitteln und damit unbedenklich ist. Laut den “United States Pharmacopeial Convention, Revision Bulletin, Elemental Impurities–Limits, February 1, 2013” wären als Tagesdosis maximal in Inhalationsarzneimitteln erlaubt:

Chrom: 25 Mikrogramm
Nikel: 1,5 Mikrogramm

Da die Angaben des L’INC in Nanogramm sind, müssen wir diese erst einmal in Mikrogramm umrechnen, um sie dann der maximalen Tagesdosis gem. USP-Standards für Inhaltionsarzneimittel gegenüber zu stellen:

Chem. ElementL'INC EZigaretteUSP-Standards
Chrom0,001 bis 0,0067 Mikrogramm
25 Mikrogramm
Nickel0,0002 bis 0,012 Mikrogramm1,5 Mikrogramm

Damit wären bis zu

  • 125 mal weniger Nickel bei der EZigarette gemessen worden als in Inhalationsarzneimitteln als Unbedenklich gilt.
  • 3731 mal weniger Chrom bei der EZigarette gemessen worden als in Inhalationsarzneimitteln als Unbedenklich gilt

Und mit der Präsentation dieser Ergebnisse versucht man zur Zeit die Abstimmung im EU-Parlament und die Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen:

Eine Handvoll Stoffe im Kleinstbereich – Welche sogar noch unterhalb der Obergrenzen der Arzneimittelstandards liegen – Gegenüber den über 9600 chem. Verbindungen die man bis dato im Tabakrauch identifzieren konnte.5

Wem wollen „die“ das verkaufen? Politkern?

Das traurige daran ist: Kein Journalist schaut hinter die Zahlen und beleuchtet was diese überhaupt bedeuten – Da ist die Sensationsschlagzeile viel wichtiger!

Traurig!

Rursus


  1. 60 Millions de consommateurs – Pas si inoffensive, la cigarette électronique 

  2. Clive Bates: Lazy, stupid, wrong – the Mail can’t stop itself 

  3. “60 Millions de consommateurs – Cigarette électronique : les 7 questions que vous vous posez” 

  4. “Wikipedia: Tabakrauch” 

  5. “Alan Rodgman; Thomas A. Perfetti: The Chemical Components of Tobacco and Tobacco Smoke, Second Edition” 

Comments

  1. Klasse…den Copy&Paste-Journalisten mal wieder schön den Spiegel der Unfähigkeit vor die Nase gehalten. Sehr schöne Sache das. Danke für Deine Artikel und weiter so! 🙂

  2. Super! Du solltest deine Blog-Einträge als Pressemitteilungen verschicken. Wenn die Journalisten schon nicht recherchieren, sondern lieber nur unterfüttert werden wollen, dann besser mit sowas.

  3. Wie da wieder mit Unwahrheiten um sich geworfen wird ist einfach nur noch ekelhaft.
    Wieder einmal ein klasse Artikel von dir, der aufzeigt, wie es wirklich ist.

  4. Wieder mal saubere Arbeit von Rursus.

    Danke dafür.

    Ansonsten fällt mir nur eins ein:

    http://www.tagesschau.de/inland/transparencyjournalismus100.html

    Wir sollten aufhören den Journalisten zu vertrauen und anfangen uns vielleicht eher solchen Quellen wie diesen hier zu zuwenden. Es kotzt mich so an, dieses elendige, Tatsachen verdrehende, ebenfalls monetär orientierte Journalisten…… Ich könnte hier sowas von Fluchen. Aber es wäre beleidigend. Und das wollen wir ja nicht.

    Ich hoffe es hat mal einer den Mut und stellt diese Tatsachenverdreher medienwirksam an den Pranger und die Frage: „Warum tun Sie so ein einen geistigen Dünn….. ? Brauchen Sie das Geld oder die Anerkennung oder einen neuen Job?“

    Wir müssen uns wohl oder übel, früher oder später mit Informationen ehrenamtlich selber versorgen. Sonst bekommen wir immer nur die Wahrheiten, die den jetzigen Macht- und Geldinhabern etwas nützen.

    Der Sozialismus ist vielleicht eine gute Idee – hat aber nicht funktioniert.
    Die soziale Marktwirtschaft im Kapitalismus ist eine Diktatur des Kapitals und funktioniert auch nur für die, die oben sind in der Pyramide.

    „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“
    Mahatma Gandhi

    „Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.“
    Mark Twain

    Und in diesen Sinne mach ich mich an die Überzeugungsarbeit und danke Rursus noch mal für die Vorlage hier.

    Danke. Danke. Danke

  5. Hi,

    ich verfolge auch schon länger diese Diskussion. Ich finde es sinnfrei, die Schadsubstanzen des Tabakrauchs im PG-Nebel zu suchen und aufgrund deren de facto Fehlens auf die Unschädlichkeit des E-Dampfens zu schlussfolgern.
    Denn Rauchen und Dampfen haben, außer dass beide auf die Lunge wirken, nicht miteinander gemein.

    Meiner Meinung nach sollte man die Vergleiche zum Tabak mal komplett weglassen und sich fragen: Was und wieviel steckt überhaupt im Dampf und welche Wirkung, auch über lange Zeit, hat das auf die Atemwege, die Lunge und den Rest des Organismus? Und wie steht’s um die psychologische Wirkung (Suchtpotenzial)?

    Ich selbst dampfe schon ein Weilchen und kann sagen, ich habe regelmäßig einen trockenen Mund und gereizte Atemwege. Welcher Stoff ist dafür verantwortlich? Und könnte sich aus dieser ständigen Reizung unter Umständen eine chronische Bronchitis entwickeln? Oder irgendwas anderes Hässliches?

    Ich will damit nur sagen, die Risikobewertung des E-Rauchens aus der bis jetzt bekannten Tabakforschung abzuleiten, ist Quatsch.

    Micha

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